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„Das deutsche Rentensystem steht im internationalen Vergleich noch relativ gut da“ – ist das wirklich so?

von Holger Balodis

Verglichen mit den Alten in Ägypten oder Uganda geht es den deutschen Rentnern finanziell blendend. Das gilt auch für die Situation in den meisten asiatischen, afrikanischen oder südamerikanischen Ländern. Doch sind das die Länder, mit denen wir uns vergleichen wollen? Zieht man das Absicherungsniveau der europäischen Nachbarstaaten oder der 36 in der OECD zusammengefassten sogenannten entwickelten Staaten (von Australien bis Schweden) heran, so landen die deutschen Rentner leider sehr weit hinten.
Die OECD arbeitet mit dem Konzept der Lohnersatzrate, das heißt, man vergleicht, was ein heute junger Arbeitnehmer nach einer vollständigen Erwerbsbiografie später an Rente im Vergleich zu seinem durchschnittlich erzielten Einkommen zu erwarten hat. Das ist in den OECD-Ländern im Schnitt eine Bruttolohnersatzquote von 49 Prozent für Normalverdiener. Das heißt, ein Durchschnittsverdiener bekommt später als Bruttorente – natürlich inflationsangepasst - rund die Hälfte seines früheren Bruttoeinkommens. Einige Länder gehen deutlich darüber hinaus: Österreich (77 Prozent), Dänemark (74 Prozent), Italien (80 Prozent), Luxemburg (79 Prozent), Portugal (74 Prozent) oder die Niederlande (71 Prozent). Dort sorgt die gesetzlich vorgeschriebene Altersversorgung also dafür, dass die Rentner relativ nah am früher erzielten Einkommen bleiben. Nicht so in Deutschland: Hier weist die OECD kümmerliche 39 Prozent aus. Ungefähr so viel wie für Korea, die USA oder Slowenien.
Noch deutlich schlechter werden Rentner allerdings in Ländern wie Litauen (24 Prozent), Mexiko (26 Prozent) oder Polen (29 Prozent) versorgt.
Um zu zeigen, was den Rentnern im Alter wirklich bleibt, korrigiert die OECD diese Ersatzquoten um die zu zahlenden Steuern und Sozialabgaben. Was bleibt sind Nettoersatzquoten, also das Verhältnis von verfügbarem Renteneinkommen im Alter zum früheren Nettoeinkommen. Diese Kennzahl zeigt, was sich Rentner von ihrer Rente tatsächlich verglichen mit früher leisten können. Die Nettoersatzquote ist höher, weil die Rentner in der Regel weniger Abgaben zahlen als im Erwerbsleben.
Doch auch hier landet Deutschland mit einer Ersatzquote von 52 Prozent für seine Normalverdiener wieder deutlich hinter dem OECD-Durchschnitt von 59 Prozent. Ganz vorne liegen in der Nettobetrachtung die künftigen Rentner in Österreich (90 Prozent), Portugal (90 Prozent), Luxemburg (90 Prozent), Italien (92 Prozent) und der Türkei (94 Prozent). Sie werden als Rentner verglichen mit dem früheren Einkommen nahezu keine Einbußen haben.

Zwischenfazit: Ganz gleich, ob man die Brutto- oder die Nettolohnersatzrate heranzieht, die deutschen Arbeitnehmer mit durchschnittlichen Einkommen landen mit ihrer Rente in der OECD-Rangliste auf einem hinteren Platz. Zwar klar vor Mexiko oder Polen, aber eben doch weit hinter Nachbarstaaten wie Österreich, Frankreich, Belgien, Luxemburg, Niederlande oder Dänemark.

Die vorgenannten Daten beziehen sich auf die Durchschnittsverdiener in den genannten Ländern. Interessant ist jedoch auch der Blick auf die Geringverdiener, also auf jene, die nur die Hälfte des Durchschnittsverdienstes erzielen. In Deutschland bedeutet dies 2020 einen Jahresverdienst von rund 20.000 Euro. Das ist etwas mehr als Mindestlohn in vollschichtiger Beschäftigung.
Diese sogenannten 50-Prozent-Verdiener werden in Deutschland laut OECD im Alter netto allenfalls 56 Prozent ihres ohnehin geringen Einkommens erreichen. In vielen anderen Ländern bekommen Kleinverdiener im Alter hingegen mit mindestens 90 Prozent nahezu ihr altes Nettogehalt: So etwa in Österreich, Tschechien, Italien und Luxemburg. Und in Dänemark bekommen Kleinverdiener im Alter sogar netto mehr als früher im Erwerbsleben.

Davon können deutsche Rentner nur träumen: ein 50-Prozent-Verdiener bekommt derzeit nach 40 Berufsjahren eine Rente von brutto 661 Euro. In Österreich bekäme er 1.223 Euro, ganz gleich wie wenig er zuvor verdient haben sollte. In Luxemburg betrüge seine Mindestrente sogar 1.893 Euro. Nur knapp weniger zahlt in Dänemark die sogenannte ‚Folkepension’: Sie beträgt für Alleinstehende umgerechnet rund 1.750 Euro und für Paare rund 2.600 Euro. Auf ähnliche Summen kommen Kleinverdiener in den Niederlanden: Die Grundrente beträgt derzeit inklusive Urlaubsgeld 1.328 Euro, wenn man stets in den Niederlanden gewohnt hat. Dazu kommt noch eine allein von den Arbeitgebern finanzierte Betriebsrente. Etwas weniger üppig, aber noch immer deutlich besser als in Deutschland, fallen die Regelungen für Kleinverdiener in Belgien und Frankreich aus. Erneutes Zwischenfazit:
Besonders schlecht fällt die deutsche Alterssicherung im internationalen Vergleich für Geringverdiener aus. Praktisch alle westeuropäischen Nachbarländer sorgen mit Mindestrenten dafür, dass Kleinverdiener im Alter nicht in gröbste Armut rutschen. Diese Personen erhalten in der Regel rund das Doppelte, mitunter sogar rund das Dreifache dessen, was deutsche Kleinverdiener im Alter bekommen. Die für 2021 geplante Grundrente wird daran nichts substantiell ändern. Sie wird nur wenigen armen Rentnern den Sprung über die Grundsicherungsschwelle (derzeit rund 800 Euro monatlich) ermöglichen. Die Armutsschwelle des statistischen Bundesamtes in Höhe von 1.136 Euro für Alleinlebende (2018) überschreitet durch die neue Grundrente vermutlich niemand. Der Grund für die unbefriedigende Situation: Es gibt keine echte Mindestrente in Deutschland. Und die Rente bildet hierzulande nahezu perfekt die Erwerbsbiografie ab. Wer im Arbeitsleben schlecht verdient hat oder lange arbeitslos war, der bekommt im Alter besonders wenig.

Angesichts der bereits dargestellten niedrigen Lohnersatzraten überrascht es nicht, dass auch für Normalverdiener die deutschen Renten in Euro und Cent im europäischen Vergleich enttäuschend ausfallen.
So erhielten die Männer in Österreich 2019 im Schnitt 1.966 Euro monatlich. Da in der Alpenrepublik übers Jahr 14 Pensionen ausgezahlt werden, macht das umgerechnet 12 mal 2.294 Euro brutto. Das sind gut Tausend Euro mehr als deutsche Männer erhielten: 1.281 Euro (Anfang 2019). Auch bei Frauen ist der Unterschied gravierend: In Österreich gibt es umgerechnet auf 12 Monate 1.314 Euro brutto. In Deutschland waren es nur 793 Euro. Über 500 Euro weniger!
Auch in der Schweiz, in Frankreich, in Belgien, in den Niederlanden und in Dänemark haben die Normalverdiener umgerechnet in Euro aus der staatlichen Alterssicherung durchweg mehr zur Verfügung als ihre deutschen Altersgenossen. Die im Vergleich zu vielen Nachbarstaaten in Deutschland etwas höhere Kaufkraft kann das nicht annähernd ausgleichen. Besonders ernüchternd fällt der Vergleich aus deutscher Sicht mit Luxemburg aus. Wer im Großherzogtum 40 Jahre lang immer das Doppelte des Mindestlohns verdient, derzeit sind das 4.150 Euro monatlich, der bekommt mit 60 Jahren eine abschlagsfreie Bruttorente von 3.544 Euro. Das ist nicht nur mehr als doppelt so viel, wie er bei gleichem Einkommen hierzulande bekommen würde (= 1.624 Euro brutto), er erhält seine Rente auch mehr als fünf Jahre früher.

Fazit: Die These, die deutschen Renten seien im internationalen Vergleich noch recht gut, ist nicht haltbar. Bei den Lohnersatzquoten liegt Deutschland deutlich unter dem Durchschnitt der OECD-Staaten. Auch der europäische Vergleich fällt ernüchternd aus: alle westeuropäischen Nachbarstaaten versorgen sowohl ihre Normal- als auch ihre Kleinverdiener im Alter besser als Deutschland.

Der Autor hat zusammen mit seiner Frau Dagmar Hühne zahlreiche Bücher zu Rente und Altersicherung veröffentlicht. Ihr jüngstes Werk: „Rente rauf!“ So kann es klappen, ISBN 978-3-932246-98-2, 18 Euro,
Rezensionsexemplar über den Autor (balodis@vorsorgeluege.de)

Quellen:
OECD (2019): Pensions at a Glance 2019, OECD and G20 Indicators
Deutsche Rentenversicherung Bund: Rentenversicherung in Zeitreihen, Oktober 2019
Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger: Die österreichische Sozialversicherung in Zahlen, August 2019
Alterspension in Luxemburg, Caisse nationale d’assurance pension (CNAP), März 2020



Konzerne hintergehen ihre Kunden


Mit einer für das Online-Magazin Rubikon erstellten Studie decken wir auf: Das Gerede vom Niedrigzins ist eine Fake-News der Versicherungskonzerne. Die Gewinne der Versicherer sprudeln munter. Sie haben keinerlei Mühe den versprochenen Garantiezins für ihre Kunden zu erwirtschaften. Insofern dürften sie eigentlich auch nicht den Kunden die Beteiligung an den sogenannten Bewertungsreserven vorenthalten. Der Bundesgerichtshof hatte am Mittwoch (27.6.18) entschieden: Die Kürzung ist rechtens – aber nur, wenn andernfalls die Zahlung der Garantiezinsen gefährdet wäre. Das ist definitiv nicht der Fall, wie unsere Rubikon-Studie beweist: Die Konzerne verdienen gut. Weit besser als vor der Niedrigzinsphase. Aber sie packen so viel Geld in versteckte Reservetöpfe wie noch nie. Und an diese Töpfe kommen die Kunden derzeit so gut wie nicht heran. Legaler Betrug.

Der Link zur Studie:
https://www.rubikon.news/files/RubikonSpezial_Holger%20Balodis_LV_Studie%20lang_JP_FINAL.pdf


Oktober 2016: Berufsunfähigkeit gezielt absichern
1. Auflage, 16,90 Euro
ISBN 978-3-86336-069-6
Herausgeber: Verbraucherzentrale NRW

Dezember 2014: Privatrenten als (un)geeignetes Instrument der Altersvorsorge?
in: Viertelsjahreshefte zur Wirtschaftsforschung 03.2014,
Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, Seite 41ff
Duncker und Humblot GmbH, Berlin
ISBN 978-3-428-14530-0

Juni 2013: Berufsunfähigkeit gezielt absichern
Der Weg zum besten Vertrag
5. aktualisierte Auflage. Juni 2013, 9,90 Euro
ISBN 978-3-86336-017-7
Herausgeber: Verbraucherzentrale NRW

Juni 2010: Privatrenten und Lebensversicherungen
So profitieren Sie richtig!
Herausgeber Verbraucherzentrale NRW
1. Auflage, 2010, 9,90 Euro
ISBN 978-3-940580-47-4

Februar 2008: Kündigung von Versicherungsverträgen
Herausgeber: Verbraucherzentrale NRW
4,90 Euro;
ISBN: 978-3-940580-16-0

2005: Richtig gut versichert
Herausgeber: Stiftung Warentest/ Verbraucherzentrale NRW
12,90 Euro;
ISBN: 3-937880-03-8