Startseite | Kontakt | Impressum | Web Übersicht

Leseprobe

Kapital 6
Nur Brosamen: Der Beschiss mit den Kündigungen


Angeblich geht es bei privaten Rentenversicherungen ja immer um Altersvorsorge, also um eine sehr, sehr langfristige Geldanlage. Am besten früh einsteigen, bis zur Rente warten und dann vom Zinseszinseffekt profitieren. So die weitverbreitete Botschaft. Wir sagen: Alles Unsinn! Aus Sicht der Finanzdienstleister und ihrer zahlreichen Vermittler ist es optimal, wenn die Verträge alle vier oder fünf Jahre gekündigt und dafür neue abgeschlossen werden. In diesem Fall baut sich für die Kunden zwar kaum ein Altersvorsorgekapital auf, doch vielleicht geht es den Versicherern darum ja auch gar nicht.
Ohne das Wechselspiel „aus alt mach neu“ wäre das Heer von rund 250.000 Versicherungsvermittlern weitgehend arbeitslos. Die Vertriebsvorstände könnten keine Verkaufsrekorde verkünden. Und mit den Gewinnen sähe es mau aus. Verlierer sind die Kunden. Sie bekommen für die gekündigten Verträge meist nur einen Bruchteil der Summe, die sie zuvor eingezahlt hatten. Das Geld bleibt in Form von „Stornogewinnen“ bei den Versicherungen oder es wurde schon längst in Form von Kosten verbraten: Für Abschlussprovisionen. Für Kugelschreiber. Für teure Dienstwagen. Für so genannte Lustreisen, wie sie Ergo-Vermittler nach Budapest oder W&W-Verkäufer nach Rio unternahmen.
Um Moral und Werte macht man sich seitdem auch in den Reihen der Versicherer große Sorgen. Der Gesamtverband stellte den Versicherungstag 2014 in Berlin deshalb unter das Motto „Werte, Verantwortung, Vertrauen“. Und Präsident Dr. Alexander Erdland warb geschlagene 35 Minuten lang in blumigen Worten um das Vertrauen seiner Kunden: „Wenn ich einem Versicherungsunternehmen Geld anvertraue, um vorzusorgen, dann muss ich ihm vertrauen können.“ Offenbar hapert es mit dem Vertrauen derzeit gewaltig. Und Schuld daran sind die Versicherer selber, räumt der Chef der deutschen Versicherer kleinlaut ein: „Für manchen Knick in der Beliebtheitsskala sind wir selber verantwortlich, keine Frage, manche dieser unschönen Geschichten haben uns getroffen, manche dieser Geschichten sind skandalös und wir stellen uns der Kritik.“ Und dann benennt der GDV-Chef die unschönen Geschichten, die es eigentlich nicht geben dürfte: „Vertriebsskandale, das geht gar nicht! Urteile zum Verbraucherschutz, die gar nicht oder erst auf den letzten Drücker umgesetzt werden, das geht gar nicht! Fehlberatung oder unverständliche Produkte, kein Pardon!“ Erdland fährt fort: „Wir werden solche Missstände weiter benennen, sie weiter verurteilen und ihnen auf den Grund gehen. Und wir werden versuchen, Wiederholungen zu vermeiden, aus Fehlern zu lernen.“
Erdland verkündet weiter, was einen guten Versicherer ausmachen soll und stellt Kriterien auf: „Erstens: Leistungsversprechen einhalten für die Kunden, das heißt Verlässlichkeit. Zweitens: Produkte, die dem tatsächlichen Bedarf der Kunden entsprechen, das heißt Ehrlichkeit. Drittens. Angebote, die unsere Kunden verstehen können, das heißt Transparenz. So verstehe ich im Alltag gelebte Verantwortung.“

Für die Kunden sind Werte wie Verantwortung und Ehrlichkeit überaus wichtig. So auch für Frau Müller aus einer kleinen Stadt in Ostwestfalen. Sie hat im Leben nicht immer Glück gehabt: Schulabbruch, Arbeitslosigkeit, Scheidung, – dann aber doch wieder einen neuen Partner gefunden und die erneute Trennung. Das Ergebnis: Eine alleinerziehende Mutter mit insgesamt 4 Kindern, angewiesen auf staatliche Fürsorge. Sie ist oft so überfordert, dass sogar eine gesetzliche Betreuung angeordnet wurde. Doch sie lässt sich nicht hängen und übernimmt Verantwortung für ihre Kinder. Denen soll es einmal besser gehen. Und so hat sie einen Teil des Erziehungsgeldes, das sie für jedes Kind bekam, nicht ausgegeben sondern, wie sie glaubte gut angelegt. Sie vertraute dabei der Generali. Wie die Angebote der Generali, eine der größten europäischen Versicherungen, zu ihr fanden, lässt sich heute nicht mehr klären. Eine Rolle könnte ihre damalige gesetzliche Betreuerin gespielt haben. Die musste alles abzeichnen und bekam auch alle Schreiben von der Generali. Damit ist aber auch klar: Der Versicherungsgigant wusste sehr genau um die fehlende Geschäftstüchtigkeit und die schwierigen Lebensumstände seiner Kundin. Und es kam wie es kommen musste: Die für vier Kinder jeweils geschlossenen Rentenversicherungen konnte Frau Müller nach rund 2 Jahren nicht mehr bezahlen. Denn das Geld war immer schon knapp gewesen. Es waren Verträge, deren vorzeitige Kündigung schon bei Vertragsschluss quasi feststand. Vier Verträge, wie sie jedes Jahr zu hunderttausenden geschlossen werden und genauso häufig wieder beendet werden. Oft noch im ersten Jahr. Die meisten aber innerhalb der ersten fünf Jahre.
Und weil das nicht nur so offensichtlich wackelige Verträge wie die von Frau Müller betrifft, geht die Zahl der Kündigungen Jahr für Jahr in die Millionen. Sie haben richtig gelesen: Jedes Jahr werden mehrere Millionen Verträge für Privatrenten oder Lebensversicherungen gekündigt. Das schlimme daran: Die Kunden bekommen nicht etwa das zuvor eingezahlte Geld plus Zinsen wieder zurück, sondern machen in der Regel gewaltige Verluste. Die Versicherer hingegen profitieren massiv von diesem Aderlass und nehmen ihn, um es vorsichtig auszudrücken, zumindest billigend in Kauf. Prof. Andreas Oehler von der Uni Bamberg forscht seit Jahren zu diesem Problem und schätzt die Verluste aus gekündigten Verträgen für die Kunden auf 16 Milliarden Euro. Jährlich.
Das wirklich bedenkliche an dieser Quasi-Enteignung der Kunden: sie ist von Beginn an absehbar, wie Oehler feststellt. „Bei Abschluss – Verlust?“ titelte er seine empirische Untersuchung von über 4.000 gekündigten Versicherungsverträgen. Sein Argument: Die Kündigung ist nicht etwa die Ausnahme, sondern der Normalfall. Rund 80 Prozent der auf dem Papier langfristig angelegten Verträge werden abgebrochen. Nur 20 Prozent enden regulär. Die meisten Kunden erleiden massive Verluste. Die Durchschnittsrendite eines Lebensversicherungsvertrages ist folglich deutlich negativ.

Besonders jene Versicherte, die frühzeitig ausgestiegen sind, müssen oft vor Gericht ziehen, um höhere Rückkaufswerte zu erstreiten. Oft geht es um ungerechtfertigte Stornoabschläge, zu geringe Schlussüberschüsse oder eine ungenügende Beteiligung an den Bewertungsreserven. Doch selbst höchstrichterliche Urteile helfen nur bedingt. Diese Erfahrung macht die Verbraucherzentrale Hamburg immer wieder. Seit 2005 hat sie in zahlreichen Urteilen unter anderem gegen Signal-Iduna, Deutscher Ring, Ergo, Generali und Allianz erstritten, dass ausgeschiedenen Kunden Nachzahlungen zustehen. Doch solche Urteile, auch wenn sie vom Bundesgerichtshof stammen, sitzt die Branche zunächst einmal stoisch aus, tut sie als Einzelfallentscheidungen ab. Das bedeutet: Jeder Einzelne – auch wenn er gleich lautende Verträge bei demselben verurteilten Versicherer hatte - musste sein Recht persönlich einfordern. Das dauerte oftmals sehr lange und die Nachzahlungen mussten nach Prüfung oft erneut nachgebessert werden. So sieht es jedenfalls Kerstin Becker-Eiselen von der Verbraucherzentrale Hamburg: „Das ist doch ein Armutszeugnis für die Branche. Es wird gemauert ohne Ende und dauert oft Jahre, bis die Menschen wenigstens halbwegs zu ihrem Recht kommen. Viele warten noch immer auf den Ausgleich der ungerechtfertigt kassierten Stornoabschläge. Und von den Zinsen auf die lange vorenthaltenen Gelder will ich gar nicht reden.“
Das hörte sich in der Rede des GDV-Präsidenten Alexander Erdland noch ganz anders an: „Urteile zum Verbraucherschutz, die gar nicht oder erst auf den letzten Drücker umgesetzt werden. Das geht gar nicht!“

Ein wichtiger Teil des legalen Betruges mit Lebensversicherungen ist der Stornobeschiss. Das Storno, so nennt man die Kündigungen im ‚Versicherungssprech’, scheint ein notwendiger Teil des Geschäftsmodells. Schon vor Jahren fragte der Journalist und Branchenexperte Herbert Fromme auf dem jährlichen Treff der Ratingagentur Assekurata: „Was ist das eigentlich für ein Geschäftsmodell, das nur funktioniert, weil ein Großteil der Kunden vorzeitig abbricht?“ In ihren Stellungnahmen beklagen die Versicherer mit Krokodilstränen die vielen gekündigten Verträge, doch eins steht fest: Wenn nicht jährlich mehrere Millionen Verträge storniert würden, könnten nie und nimmer fünf, sechs oder noch mehr Millionen neue Verträge pro Jahr abgeschlossen werden. Und das Neugeschäft ist das Blut, nach dem die Branche lechzt, vom dem die rund 250.000 Vermittler im Außendienst leben. Über das hereingeholte Neugeschäft definieren die Vorstände ihren Geschäftserfolg. Und dafür nehmen sie richtig viel Geld in die Hand, um ihre Vertreter, unabhängige Makler, skrupellose Drückerkolonnen und Bankberater großzügig zu schmieren. Für so genannte „Abschlussaufwendungen“ ballern viele Versicherungen zwischen 10 und 20 Prozent ihrer gesamten Beitragseinnahmen hinaus. Das heißt konkret: Man nimmt das Geld der Altkunden und befeuert damit auf Teufel komm raus das Neugeschäft. Von den Neukunden hat man ja noch nichts eingenommen. Doch man versucht auch von denen möglichst schnell das Geld für das große Abschluss-Feuerwerk zurückzuholen. Mit der Folge, dass ein Großteil der Beitragszahlungen in Rauch aufgeht. Und damit kommen wir zurück zum Fall von Frau Müller. Der hatte ein Vermittler der Generali gleich vier Kinderrentenversicherungen aufgeschwatzt, mit Monatsbeiträgen jeweils zwischen 30 und 35 Euro. Laut Beratungsprotokoll sollte damit folgendes Ziel verfolgt werden: „Renditechancen und flexibel über Geldentnahme verfügen können.“ Frau Müller dachte, wohl geblendet von den Versprechungen des Vermittlers, an einen Art Turbo-Sparvertrag mit der Möglichkeit, praktisch jederzeit Geld für die Sprösslinge entnehmen zu können: Für die Einschulung, bei Klassenfahrten, wenn mal teure Schuhe fällig werden – kurzum, immer wenn ein kleines Extra für Sarah, Valentina, Jan und Alexander gebraucht wird. Doch da war Frau Müller schief gewickelt. Die Versicherer reden zwar viel von Flexibilität, doch ein Kinderrentenvertrag ist in erster Linie ein teures Produkt mit einer sehr, sehr langen Laufzeit. Konkret waren es 55, 58, 59 und 62 Jahre. So lange heißt es: zahlen. Eine garantierte Verzinsung oder eine garantierte Rente sollte es hingegen nicht geben, denn die Generali verkaufte Frau Müller eine fondsgebundene Versicherung, schob damit das Anlagerisiko komplett auf die Kundin und deren Kinder ab. Und
dafür sollten ihnen noch kräftig Kosten berechnet werden. Hätten die Kinder bis zum bitteren Ende durchgehalten, wären es – versteckte Kosten nicht einberechnet - immerhin rund 20 Prozent der Einzahlungen gewesen. Und bei einer Kündigung sind die Kosten prozentual noch weitaus höher. Als schließlich die gesetzliche Betreuung für Frau Müller wechselte und ihre neue Betreuerin dem Spuk ein Ende setzte, zahlte die Generali nach rund zwei Jahren Laufzeit weniger als die Hälfte der zuvor eingezahlten Prämien aus. Für Frau Müller endete damit ihr Ausflug in die private Altersvorsorge mit einer schlimmen Erfahrung: weit über 1.000 Euro Verlust in rund zwei Jahren. Für eine Frau, die am Existenzminimum lebt, ein Desaster. Und die Erkenntnis, dass sie mit dieser Summe ihren Kindern einiges an Bekleidung und Spielzeug hätte kaufen können. Statistisch sind es hingegen nur vier kleine von vielen Millionen geplatzten Rentenverträgen. Doch messen wir sie an den drei Erdland-Kriterien für eine gute Versicherung.
Verlässlichkeit: Wenn nach zwei Jahren über die Hälfte der Beiträge verdampfen, entspricht das zwar verlässlich der geltenden BGB-Rechtsprechung. Aber für den Kunden ist es eben auch: verlässlich mies. Ziel verfehlt.
Ehrlichkeit: Die soll laut Erdland durch Produkte bewiesen werden, die dem tatsächlichen Bedarf des Kunden entsprechen. Doch sollten überteuerte Kinderrentenversicherungen allen Ernstes den Bedarf von Hartz4-Empfängern treffen? Wohl kaum. Erneut Ziel verfehlt.
Transparenz: Hätte Frau Müller tatsächlich diese Verträge verstanden, hätte sie sie niemals unterschrieben. Erneut: klar das Ziel verfehlt. Und damit ein klarer Fall von „Fehlberatung“, für den es laut Erdland „kein Pardon“ gelten sollte. Doch die Losung „kein Pardon“ gilt wohl vorerst weiter nur für die Kunden. Alle Versuche bei der Generali eine Rückabwicklung der Verträge und damit eine Erstattung der gezahlten Beiträge zu erreichen, scheiterten: Die Generali teilte mit, „dass wir ein fehlerhaftes Zustandekommen der Verträge nicht erkennen können.“ Ende der Fahnenstange.

Die Zahl der Aussteiger erreicht auch bei großen und bekannten Versicherungen beachtliche Ausmaße. Überdurchschnittliche Stornoquoten meldet die Statistik der Versicherungsaufsicht Bafin für 2013 zum Beispiel für AachenMünchener, Generali, Zurich und Ergo – allesamt in den Top-Ten der größten deutschen Lebensversicherungen. Besonders hohe Stornoquoten melden MyLife (14,2 Prozent) und die Targo-Versicherung (16,3 Prozent). Bei solchen Versicherungen sind schon nach wenigen Jahren die meisten Versicherten von Bord gegangen. Zufriedenheit sieht anders aus.
Wo liegen die Gründe für diese „Massenflucht“ aus dem nach vielen Presseberichten noch immer liebsten Altersvorsorgeprodukt der Deutschen? Man kann es sich dabei ganz einfach machen. Die Schuld liegt angeblich bei den Kunden selber: Die Menschen haben es einfach noch nicht kapiert. Sie wollen lieber konsumieren statt Verzicht zu üben. Sie ignorieren schlicht die Notwendigkeit der so dringend notwenigen privaten Altersvorsorge. So ähnlich sieht es Ex-Minister Walter Riester. In einem demaskierenden Interview mit der „Nordwest Zeitung“ vom 24.10.2014 sagte er: „Es war leider schon immer so, dass Menschen Rücklagen fürs Alter auf die lange Bank geschoben haben, weil es immer etwas gibt, was ihnen wichtiger ist: ein neues Handy, ein neues Auto, die Gründung einer Familie.“ Ein etwas befremdliches Urteil des heute hoch bezahlten Vortragsredners Riester. Die Wahrheit sieht anders aus: Bei den meisten Aussteigern handelt es sich gutwillige Vorsorgesparer, die mit Hilfe von miesen Vorsorgeprodukten – und er kräftigen Unterstützung von Walter Riester - aufs Kreuz gelegt wurden oder sich diese überteuerten Produkte schlicht nicht mehr leisten können. Doch wenn sich das Volk unwillig zeigt, wird es eben beschimpft. Von Managern und Politikern.
Es gibt eine ganze Reihe von triftigen Gründen, weshalb Millionen normale Kunden jährlich Verträge kündigen oder beitragsfrei stellen:

Die (nicht vorhandene) Beratungsqualität
Es ist die schlechte oder gar falsche Beratung, die viele Kunden in Verträge treibt, die später schlicht nur scheitern können. Vor allem wenn die Drücker von DVAG, OVB, SwissSelect (Ex-AWD), Ergo Pro (Ex-HMI) oder anderen Strukturvertrieben ihre Opfer bearbeiten, steht am Ende oft ein sehr teurer Vertrag, der nicht den Bedürfnissen der Menschen entspricht. Nahezu logisch ist dann die baldige Kündigung. Ja, man kann sagen, Kündigungen gehören fast notwendigerweise zum Geschäft der ‚Strukkies’. Die Drücker überreden ihre Kunden, bestehende angeblich sehr schlechte Verträge zu kündigen, um mit neuen Verträgen ins Geschäft zu kommen. „Umdeckung“ nennt man das im Fachjargon und die Kunden stehen anschließend meist noch schlechter da als zuvor. Gegen schlechte Beratung ist man aber auch bei festangestellten Außendienstlern renommierter Versicherungen oder unabhängigen Maklern nicht geschützt. Sie verkaufen vor allem, was Provision bringt. Und das gilt auch und vor allem am Bankschalter. Denn er wurde mittlerweile zum häufigsten Tatort: Nicht über das Vertreternetz von Allianz & Co oder die Kloppertruppen von DVAG & Co, sondern über Banken und Sparkassen wurden im Jahr 2013 die meisten Lebensversicherungen verkauft. Zum Wohle vor allem der Banken selbst, da die Provisionseinnahmen eine der lukrativsten Gewinnquellen darstellen. Die meisten Bankberater bekommen deshalb klare Vorgaben, wie viele Lebensversicherungen, Investmentfonds und Bausparverträge sie vermitteln sollen. Und für die Umsetzung dieser Quoten haben sie in der Tat nahezu optimale Voraussetzungen: Oft besteht die Kundenbeziehung schon viele Jahre, wie die Sparkassen-Eigenwerbung „Wir sichern Generationen seit Generationen“ unterstreicht. Vom ersten Sparschwein zum Weltspartag in Kindertagen bis zum späteren Gehaltskonto bleiben viele Menschen ihrer Bank oder Sparkasse treu. Leider ist dieses Vertrauen nicht immer berechtigt.

Die irreführende Werbung
Versicherungen versuchen, ihre potenziellen Kunden mit Wohlfühlparolen einzulullen, sprechen vom „Schutzengelgefühl“ (Provinzial) oder von „Versichern heißt verstehen“ (Ergo). Informationen fließen meist spärlich, in manchen Fällen sind sie sogar grob irreführend. Wollen sich beispielsweise die Kunden der Deutschen Vermögensberatung (DVAG) im Internet über die exklusiv von der DVAG vertriebene AachenMünchener (AM) Versicherung informieren, so sehen sie auf der Startseite der Privaten Rentenversicherung eine glückliche Familie in einer Sofa-Landschaft herumtollen: „Das sichere Ruhestands-Polster, das wächst und wächst und wächst.“ Das AM-Produkt Wunschpolice, erfährt der Kunde weiter unten, gleiche einem „Sparvertrag“ mit garantierter Verzinsung. Es sei „leicht verständlich“, passe sich „flexibel an Ihr Leben an…Und vor allem erhalten Sie Ihr Geld wenn Sie es brauchen.“ Das klingt super, führt den Kunden aber voll aufs Glatteis. Natürlich ist eine Rentenversicherung keineswegs ein Sparvertrag, sondern im Gegenteil ein kostenträchtiger Moloch. Und wenn man an sein Geld ganz ‚flexibel’ vor Rentenbeginn rankommen will, dann geht das natürlich immer nur bis zur Höhe des Rückkaufswertes. Aber das ist nicht etwa eine tolle Leistung: Schätzungsweise die Hälfte der eingezahlten Gelder ist dann nämlich weg.

Überzogene Kosten und falsche Dimensionierung
Oft werden die Verträge unbezahlbar, weil sie einfach überdimensioniert sind. Der Vermittler vergleicht die bestehenden Rentenansprüche mit dem aktuellen Nettoeinkommen, zieht ein paar Prozent ab und schwupp!- da ist die Rentenlücke. Und zwar eine gewaltige. Wer die nun mit einem Rentenvertrag absichern will, muss einfach scheitern. In die gleiche Lage kommt man, wenn man einen Vertrag mit der „Zeitbombe“ Dynamisierung abschließt. „Leistung nochmals erhöhen?“ fragt die HUK-Coburg in ihrem Altersvorsorgeprospekt und gibt gleich die Antwort: „Die Dynamik macht’s möglich…Dabei werden die Beträge jedes Jahr um einen von Ihnen gewählten Prozentsatz erhöht, um den Auszahlungsbetrag an Ihren steigenden Lebensstandard anzupassen“.
Natürlich rechnet die HUK nicht vor, wie teuer das den Vertrag macht:
Eine jährliche Erhöhung um 5 Prozent macht aus einem Monatsbeitrag von 100 Euro nach zehn Jahren immerhin 163 Euro, nach 20 Jahren 265 Euro, nach 30 Jahren 432 Euro und nach 40 Jahren sogar 704 Euro. Und jeder Dynamikschritt erhöht die ohnehin bereits hohen Kosten noch weiter. Sowohl die Abschlusskosten wie auch die laufenden Verwaltungskosten.
Letztlich ist es die exorbitante Kostenbelastung, die viele Kunden das Handtuch werfen lässt. Bei den vier Kinderrentenverträgen von Frau Müller lag sie auch ohne Dynamisierung stets bei rund 17 Prozent.

Die schwache Produktqualität
Wenn ein Versicherter einige Jahre nach Vertragsschluss einen Blick auf seine jährliche Standmitteilung wirft, traut er oft seinen Augen nicht. Die geschätzten Ablaufleistungen oder Renten schmelzen oft dahin wie Eis in der Sonne. Und schaut er auf den aktuellen Wert seines Vertrages, also den Rückkaufswert, dann liegt der in der Regel weit unter seinen Einzahlungen. Der Vertrag befindet sich also satt im Minus. Eine solche Gegenüberstellung von Gesamtsumme der Einzahlungen einerseits und Rückkaufswert andererseits, bietet zwar – wohl aus gutem Grund - kein einziger Versicherer, doch kann man das auch als Nicht-Mathematiker flink berechnen. Das traurige Ergebnis: Es kann 30 Jahre und länger dauern, bis der Rückkaufswert die bis dato eingezahlten Beiträge übersteigt. So lange mag nicht jeder warten und zieht die Reißleine. Motto: Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Im Jahr 2013 holten sich die Versicherten Rückkaufswerte in Höhe von 14,7 Milliarden Euro aus gekündigten Verträgen. Ein Rekord. Verloren haben sie dadurch aber schätzungsweise mindestens noch einmal die gleiche Summe. Ein trauriger Rekord.

Persönliche Lebensumstände
Tatsächlich sind es manchmal auch schlicht unvorhersehbare Unbilden des Lebens, die zur Kündigung führen: Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Scheidung. Die dramatisch schlechtere Einkommenslage lässt dann oft eine Beitragszahlung einfach nicht mehr zu. Und der gekündigte Versicherungsvertrag bringt dann die dringend benötigte Finanzspritze, auch wenn sie nur einen Teil der zuvor gezahlten Beiträge wieder zurückbringt.
Weil all das niemand vorhersehen kann, rät Axel Kleinlein vom Bund der Versicherten: „Wer heute 25 bis 35 Jahre alt ist, hat meist keinen Überblick über seine Lebensplanung und sollte deshalb keine langfristigen Versicherungsverträge abschließen.“

Fazit: Aus welchen Gründen auch immer die Verträge platzen, sie tun dies mit gewaltigen Verlusten für die Kunden. Und geplatzt ist damit auch das Konzept einer privaten Alterversorgung per Versicherungsvertrag. So sieht das Professor Udo Reifner, der Leiter des Hamburger Instituts für Finanzdienstleistungen (iff). Der Forscher weiss, wovon er redet. Er hat zahlreiche Gutachten für Bundesministerien und Institutionen wie die das Europäische Parlament verfasst und sich viele Jahre intensiv mit privaten Rentenprodukten beschäftigt: „Mit einer Abbruchquote von bis zu 80 Prozent ist diese Form der Altersvorsorge untauglich. Die meisten Versicherten beziehen hieraus am Ende gar keine Altersversorgung und stattdessen verlieren sie einen Großteil von dem, was sie angespart haben.“ Reifner fordert: „Wir müssen sicher sein, dass wo Altersvorsorge drauf steht, auch tatsächlich eine Vorsorge entsteht. Und in fast 80 Prozent der Fälle tritt sie eben nicht ein.“ Ein Desaster.

Erinnern wir uns an die Rede des großen Vorsitzenden Erdland und seine Kriterien für eine gute Versicherung: Verlässlichkeit, Ehrlichkeit und Transparenz. Sind das nur Hirngespinste oder bunte Luftballons?
Doch halt, eine Zuhörerin hat Erdland offenbar doch überzeugen können. Nach ihm betrat nämlich die Bundeskanzlerin das Pult. Die sagte zum Thema Versicherungen fast nichts, nur so viel: „Der Hauptgrund dafür, dass ich mich wirklich freue, heute dabei zu sein, ist auch das spezielle Motto, das Sie sich gegeben haben. Sie versichern ‚Werte’. Sie übernehmen ‚Verantwortung’ für das Gemeinwohl. Und dafür wird Ihnen auch viel ‚Vertrauen’ entgegengebracht.“
Ob die Bundeskanzlerin auch schon abgeschlossen hat? Ach nein, Politiker sind ja bekanntlich gut versorgt. Die brauchen ein solch dubioses Produkt wie eine Privatrente nicht. Verantwortung hin und Vertrauen her.