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Archiv 2019

Vorsorgelüge-Newsletter Nr. 1/2019 vom 1.2.2019
4.200 Euro Rente pro Tag

Daimler-Chef Dieter Zetsche erwartet im Ruhestand eine Firmenrente von 4.200 Euro, pro Tag. Daran entzündet sich nun eine aufgeregte Debatte: Ist das noch gerecht oder schon hochgradig unanständig? Zetsche mag auf sein Einkommen von 13 Millionen Euro im Jahr 2017 verweisen und da klingt eine Jahresrente von rund 1,5 Millionen Euro fast schon bescheiden. Die bizarren Zahlen belegen, wie sehr arm und reich hierzulande auseinanderdriften, angesichts eines durchschnittlichen Zahlbetrags aus der gesetzlichen Rente von monatlich 866 Euro im Jahr 2017. Und doch geht die Debatte am eigentlichen Problem vorbei. Bekäme Zetsche deutlich weniger oder gar keine Rente von Daimler, es nutzte den Millionen anderen Rentnern nichts: sie bekämen nicht einen Euro mehr. Insofern wird mit der Zetsche-Rente lediglich eine allgemeine Stimmung („die da oben machen sich die Taschen voll“) verstärkt. Wirklich skandalisiert werden sollte hingegen die Tatsache, dass zum Beispiel westdeutsche Rentnerinnen nach mindestens 35 Versicherungsjahren mit einer Rente von 693 Euro abgespeist werden (Stand 2017). Skandalisiert werden sollte, dass fast die Hälfte der heute Erwerbstätigen im Alter lediglich Rentenansprüche hat, die im Bereich der Grundsicherung (rund 800 Euro) oder darunter liegen. Besonders skandalös ist es, dass das auch sehr viel besser ginge aber hierzulande so gut wie nichts geschieht. Die Rezepte sind bekannt und in europäischen Nachbarstaaten erprobt: Etwas höhere Beiträge, ein deutlich höherer Bundesanteil und vor allem die Einführung der Erwerbstätigenversicherung. Dann zahlten alle ein: Selbstständige, Freiberufler, Politiker, Beamte und Spitzenmanager. Und damit wären wir wieder bei Dieter Zetsche, der bislang von Beiträgen in die Rentenversicherung befreit ist. Mit einer Erwerbstätigenversicherung zahlte auch der Daimlerchef in die Rentenkasse ein. Sogar von seinen gesamten Einkünften, wenn die Beitragsbemessungsgrenze abgeschafft würde. So handhabt es beispielsweise die Schweiz. Das wäre ein konstruktiver Beitrag zur Rentendebatte, statt sich an überzogenen Firmenrenten von Topmanagern abzuarbeiten.



Holger Balodis und Dagmar Hühne: Die große Rentenlüge – Warum eine gute und bezahlbare Altersicherung für alle möglich ist, Westend Verlag, 208 Seiten, 18 Euro (ISBN 978-3-864889-177-9)

Holger Balodis
Dagmar Hühne
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0221-461527 und 466590

Vorsorgelüge-Newsletter Nr. 2/2019 vom 8.2.2019
Respekt für Heil

Eigentlich ist es die pure Selbstverständlichkeit: Ein Sozialminister verlangt nach 35 Versicherungsjahren eine Rente knapp oberhalb des Grundsicherungsniveaus. In Österreich, der Schweiz, den Benelux-Staaten oder Dänemark, wo die Mindestrenten deutlich höher ausfallen, würde man sich darüber nur verwundert die Augen reiben. Doch soweit sind wir in Deutschland schon, dass eine solche Minimalforderung gewaltige Wellen schlägt. Deshalb gebührt Hubertus Heil Anerkennung, weil er den Kampf für seine Respektrente nun offenbar entschlossen anpackt. Und die Gegenwehr ist sofort laut und gewaltig. Vertreter von Union, der FDP, Wirtschaftslobbyisten sowie leider auch große Teile der Mainstream-Medien verkünden: vollkommen unbezahlbar und total ungerecht diese Respektrente.
Das genaue Gegenteil ist richtig. Ein „einstelliger Milliardenbetrag“, also etwas weniger als 10 Milliarden Euro pro Jahr klingt erst mal happig, doch er relativiert sich schon, wenn man den Jahresetat der Deutschen Rentenversicherung von rund 300 Milliarden Euro dagegenstellt. Außerdem zahlt der deutsche Staat dorthin seit Jahren viel zu wenig ein. Allein für die beiden jüngsten Stufen der Mütterrente sind es pro Jahr 10,5 Milliarden Euro, die der Finanzminister der Rentenkasse vorenthält. Es wäre deshalb mehr als gerecht, wenn endlich ein solcher Betrag aus Steuermitteln zur Bekämpfung von Altersarmut fließen würde. Zur Erinnerung: westdeutsche Rentnerinnen bekommen nach 35 Versicherungsjahren derzeit eine Rente von 693 Euro ausgezahlt (Stand 2017). Doch nun heulen Wirtschaftsvertreter und die mit ihnen verbandelten, in der Regel gut bezahlten Sprachrohre auf: Brauchen diese Rentner das auch wirklich? Sollte man da nicht erst den Bedarf prüfen, wie bei der Sozialhilfe?
NEIN. Es handelt sich nämlich um eine Rentenleistung und eben keine bedarfsorientierte Fürsorgeleistung. Hier haben Millionen Menschen mindestens 35 Jahre lang gearbeitet und damit Anspruch auf eine ordentliche Rente. Dazu gehört auch eine rententechnische Aufwertung von vormals unanständig niedrigen Bezügen. So wie das für westdeutsche Kleinverdiener bis 1990 selbstverständlich war. Wer das als ungerecht brandmarkt, führt eine seltsame Neiddebatte gegen die, die in diesem Staat besonders mies bezahlt werden. Es ist eine Neiddebatte, die von oben gegen unten geführt wird, der sich leider die Mittelschicht oft willig anschließt. Eine Debatte, wie sie in unseren westeuropäischen Nachbarländern so nicht denkbar wäre. Dort gibt es den Konsens, dass jeder ein Recht auf ein Alterseinkommen oberhalb der Armutsschwelle hat – in diese Richtung will nun auch Hubertus Heil. Dafür Respekt, auch wenn es eigentlich eine pure Selbstverständlichkeit ist.


Holger Balodis und Dagmar Hühne: Die große Rentenlüge – Warum eine gute und bezahlbare Altersicherung für alle möglich ist, Westend Verlag, 208 Seiten, 18 Euro (ISBN 978-3-864889-177-9)

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Vorsorgelüge-Newsletter Nr. 3/2019 vom 5.3.2019
Schlagseite in Richtung ältere Generation?

Grünen-Chef Habeck kritisiert in der Rentenpolitik angeblich eine „Schlagseite in Richtung der älteren Generation“ und fordert mehr Unterstützung für die Jungen. Damit macht er sich leider zum Büttel derjenigen, die einen Generationenkrieg ausrufen und jung gegen alt ausspielen wollen. Habeck sollte wissen, dass die aktuell diskutierte Grund- oder Respektrente gerade den schlecht bezahlten jungen Arbeitnehmern später nutzen soll. Soll dies gelingen, müsste diese geplante Rente sogar noch deutlich besser ausgestattet sein. Völlig falsch ist es hingegen, jegliche Verbesserungen in Sachen Rente als Schlagseite zu Gunsten der Älteren zu brandmarken. Es geht nicht um jung gegen alt. Auch wer heute jung ist, bekommt später eine Rente und dann wird er von notwendigen Reparaturmaßnahmen profitieren, die heute eingeleitet werden. Fakt ist: Wer 45 Jahre Mindestlohn verdient, kann mit einer Nettorente von 640 Euro rechnen. Hier muss etwas geschehen. Natürlich muss auch für die heute Jungen mehr passieren: Höhere Mindestlöhne, weniger Zeitverträge und weniger Leiharbeit. Aber eine funktionierende Rente gehört eben auch dazu, damit die Jungen mit Zuversicht aufs Alter blicken können. Und da kann die Heil’sche Respektrente nur der allererste Schritt sein. Länder wie Österreich oder die Niederlande zeigen uns, dass das Sicherheitsnetz für arme Rentner im Alter deutlich komfortabler ausfallen kann. 1.224 Euro bekommt in der Alpenrepublik, wer mindestens 30 Jahre eingezahlt hat. Und nicht nur bei einer Grundrente sind wir noch meilenweit von guten Renten entfernt. Auch Normal- und Gutverdiener bekommen nach den Kürzungsorgien der vergangenen 30 Jahre rund ein Drittel zu wenig Rente. Da bleibt also noch viel zu tun. Bereits heute von einer Schlagseite in Richtung der älteren Generation zu reden, geht krass an der Sache vorbei. Wer das behauptet, besorgt das Geschäft derer, die die gesetzliche Rente abschaffen wollen.
Und das kann Robert Habeck nicht wollen.


Holger Balodis und Dagmar Hühne: Die große Rentenlüge – Warum eine gute und bezahlbare Altersicherung für alle möglich ist, Westend Verlag, 208 Seiten, 18 Euro (ISBN 978-3-864889-177-9)

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Vorsorgelüge-Newsletter Nr. 4/2019 vom 21.3.2019
Scheinheiliges Theater ums Rentenalter

Die Arbeitgeber lancieren gerne den Wunsch nach einem höheren Renteneintrittsalter: 70 Jahre gilt bei vielen Arbeitgeberfunktionären als Wunschalter. Als Argumente müssen die angeblich knappen Rentenkassen und der Facharbeitermangel herhalten. Das längere Arbeiten sei praktisch alternativlos.
Soweit die Sonntagsreden. Die Praxis sieht anders aus. Da sollen Tausende Mitarbeiter des Leverkusener Chemiekonzern Bayer – man mag es kaum glauben – schon mit 57 Jahren in den Ruhestand geschickt werden. Die skandalöse Ursache: Die Bayer-Chefs haben sich mit der über 63 Milliarden US-Dollar teuren Übernahme des Gentechnik- und Giftkonzerns Monsanto verzockt. Nun sollen 12.000 Arbeitnehmer abgebaut werden. Ganz ähnlich sieht es bei VW aus. Hier sollen in den nächsten Jahren sogar 30.000 Arbeitnehmer über Altersteilzeitregelungen rausgehen. Und käme es zur Fusion von Deutsche Bank mit der Commerzbank, bekämen vermutlich noch mehr Mitarbeiter die Quittung für das Managementversagen der Topbanker in Form einer Frührente. Keine Rede vom Verlust an Erfahrung durch den Abgang langjähriger Mitarbeiter, die vermutlich auch andernorts angesichts des fortgeschrittenen Lebensalters keine neue Anstellung bekommen werden. Verblüfft reibt man sich da die Augen, wenn kürzlich die Bertelsmann-Stiftung – quasi die Denkfabrik der deutschen Marktwirtschaft – verkündete: das Renteneintrittsalter solle langfristig auf 70 Jahre und darüber hinaus erhöht werden. Die Arbeitgeber sind begeistert: nur so lasse sich das angeblich wilde Ausufern des Sozialstaates stoppen. In den Betrieben sehen das dieselben Unternehmer ganz anders. Hier freuen sie sich über jeden, den sie frühzeitig von der Lohnliste bekommen. Liebe Arbeitgeber: Diffamiert nicht länger den berechtigten Wunsch vieler Arbeitnehmer mit 63 Jahren in die verdiente Rente zu gehen als unverantwortliches Rentengeschenk. Solange ihr selbst die Beschäftigten nach Gusto noch viel eher in die Frührente schickt, ist das schlicht verlogen.

Holger Balodis und Dagmar Hühne: Die große Rentenlüge – Warum eine gute und bezahlbare Altersicherung für alle möglich ist, Westend Verlag, 208 Seiten, 18 Euro (ISBN 978-3-864889-177-9)

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